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Interview: Karin Nordmeyer von UN Women zu den aktuellen Herausforderungen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt

Published 7th March 2018

she means business

Die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ist auf dem Arbeitsmarkt und in unserer Branche eines der dringlichsten Themen überhaupt. Wir haben uns mit Karin Nordmeyer über Lösungswege, Strategien und ihre persönlichen Erfahrungen in ihrer Rolle als Vorsitzende des Deutschen Komitees für UN Women unterhalten.

Karin Nordmeyer wird am 14. Mai 2018 auf der She Means Business Konferenz im Rahmen der IMEX in Frankfurt sprechen.

Frage: Die Umfrage „Frauen in der Event-Industrie“ hat ergeben, dass es noch immer zu wenige Frauen in Führungspositionen gibt, obwohl dies eine stark weiblich geprägte Branche ist. So wünschen sich 63,59% der Frauen mehr weibliche Führungskräfte. Für die Ausbildung Veranstaltungskaufmann/-kauffrau bewerben sich 90% Frauen, aber nur wenige schaffen dann den Sprung in die Führungsebene.

Wo sehen Sie Gesprächsbedarf zwischen Männern und Frauen, angesichts dieser Ergebnisse?

Antwort: Es muss im Denken der Männer ankommen, dass Frauen häufig andere Mittel und Wege nutzen möchten, um ihre Ziele, Visionen und Ideen durchzusetzen. Der Gesprächsbedarf zwischen Männern und Frauen sitzt genau an dieser Stelle der unterschiedlichen Wahrnehmung. Männer müssen anerkennen, dass es nicht nur „ihren“, den „männlichen Weg“ gibt, das Leben und darin die Arbeit zu gestalten.

Als Appell formuliert würde ich es so formulieren: „Hört mir zu, nehmt meine Ideen und Vorstellungen wahr und bewertet sie als weitere Möglichkeit. Denkt mit in anderen, in neuen Bahnen!“

Ich erinnere mich an Konferenzen, in denen ich Ideen einbrachte, die nicht auf Gehör stießen... einige Minuten später formulierte ein Mann in „männlicher Sprache“ dieselbe Idee – und stieß auf Interesse. Das darf nicht sein! Hier müssen wir an der Wahrnehmung arbeiten. Diesen Wirkungsmechanismus zu knacken halte ich für sehr wichtig. Unterbewusst färbt er auch auf Frauen ab. In der Folge verhalten sich Frauen noch „tougher“ als Männer.

Hier möchte ich Frauen ermutigen, ihre Ideen, Vorstellungen und Visionen nicht im „männlichen Kontext“ unter den Tisch fallen zu lassen sondern ihre Ideen voranzubringen. Liebe Frauen: Glaubt an Eure Stärken und gestaltet Eure Vorhaben!

Noch zu oft hören wir den im männlichen Selbstverständnis zum Familienbild verankerten Satz: „Meine Frau arbeitet nicht“ – der eigentlich nur aussagt: Meine Frau ist nicht erwerbstätig. Diese missverständlichen Äußerungen sind strukturelle Hürden im Denken, die wir überwinden müssen.

Frage: Können Sie uns bitte etwas zur Kampagne der „Women’s Empowerment Principles“ von UN Women erzählen? Sehen Sie hier Ansatzpunkte für die internationale Meeting-Branche?

Antwort: Die „Women’s Empowerment Principles“ sind 7 Grundsätze zur Stärkung von Frauen in Unternehmen. Über 1.700 CEOs weltweit haben diese Selbstverpflichtungserklärung bereits unterzeichnet. Die Initiative bietet ideale Ansatzpunkte für alle Branchen, da sie darauf abzielt, Strukturen und Wirkungsmechanismen zu verändern. Als UN Women als eigenständige Institution entstand, wurde festgelegt, dass neue veränderte Strukturen zu schaffen sind, damit Frauen auch die Möglichkeiten bekommen, ihr volles Potenzial einzubringen. Es geht darum, die Kommunikation von Frauen und Männern auf Augenhöhe zu ermöglichen. Der weitere Schritt ist es dann, Frauen zu ermutigen und zu fördern, diese neuen veränderten Strukturen zu nutzen. Diese Abfolge ist elementar wichtig. Die bestehende Sprache in den vorhandenen Führungsebenen ist eine sehr männliche – das wollen wir ändern.

Die „Women Empowerment Principles“ können in jede Branche transportiert werden. Die Aufgabe ist es, diesen Ansatz herunter zu brechen auf einzelne Branchen und Umfelder – wie die Meeting-Branche – und hier die Strukturen zu ändern und Modelle zu entwickeln, damit Frauen ihre Potenziale und Stärken auch leben können.

Frage: Was halten Sie von einer Frauen-Quote in Unternehmen?

Antwort: Ich finde die Frauen-Quote ist ein sehr wichtiger Türöffner und ein effizientes Vehikel. Sie ist nicht á priori ein Wundermittel sondern dient dazu, das Denken und das Handeln schneller zu verändern.

Frage: Sie haben drei Kinder. Hatten Sie jemals das Gefühl, sich zwischen Beruf und Familie entscheiden zu müssen? Und wie haben Sie diese Herausforderung gemeistert?

Antwort: Ich bin in einer beruflichen Welt groß geworden, die stark von hierarchischen Strukturen geprägt war. Als für mich die Frage anstand „Kinder oder Karriere“, habe ich einen Mittelweg gefunden und habe meine Erwerbstätigkeit in Teilzeit ausgeübt. Nach meiner Pensionierung bin ich voll in meine unbezahlte ehrenamtliche Tätigkeit bei UN Women eingestiegen.

Frage: Hatten Sie in ihrer beruflichen Laufbahn eine Mentorin oder einen Mentor?

Antwort: Nein, in meiner beruflichen Laufbahn hatte ich keine Mentoren – das war damals kein Thema. Jedoch hatte ich diese sehr wohl im gesellschaftlichen Umfeld. Ich stamme aus der Kriegsgeneration, meine Mutter und meine Großmutter haben sich immer wie selbstverständlich für andere Menschen eingesetzt und mir damit vorgelebt, wie ein gutes, respektvolles Miteinander aussehen kann – das waren meine Vorbilder.

Frage: Und sind sie selbst Mentorin für Frauen, speziell auch von jüngeren Frauen?

Antwort: Ja, ich selbst fördere junge Frauen und auch junge Männer, wo ich kann und bin gerne Ratgeberin. Gerade weil ich selbst keine(n) Mentor(in) hatte, möchte ich meine Erfahrungen und Ideen weitergeben. Ich sehe, in welch großen Zwängen junge Frauen und junge Männer heute sind. Es ist mir wichtig, ihnen Rat und Orientierung zu geben und ihnen mögliche Perspektivwechsel aufzuzeigen.

Gerade die Orientierung, das Finden des eigenen beruflichen Weges, empfinde ich für Frauen heute als besonders große Herausforderung. Hatten wir früher einen Mangel an Möglichkeiten, so herrscht heute ein „Multioptions-Dilemma“.

Frage: Was möchten Sie gerne weitergeben – sei es beruflich, im sozialen Umfeld und auch als Vorsitzende des Deutschen Komitees für UN Women?

Antwort: Meine Bitte, mein Rat an junge Frauen ist: Unterzieht Euch der großen Mühe genau und sorgfältig zu überlegen, was Ihr bewirken möchtet. Fragt Euch, „Was kann ich? Wo und wie kann ich diese Kenntnisse am effektivsten und sinnerfülltesten einsetzen?“ Daraus entwickelt sich dann eine Idee, die es umzusetzen gilt. Ich bin mir wohlbewusst: Das ist ein durchaus schwieriger und manchmal auch schmerzhafter Prozess – das eigene Potenzial zu erkennen und herauszuarbeiten. Sich selbst ehrlich die Frage zu stellen: „Was und wohin will ich, was kann ich, was könnte mich zufrieden und glücklich machen?“ Ich möchte allen Frauen mitgeben: „Macht Euch diesen Stress! Recherchiert, schaut nach, verwerft Ideen, sucht Euch Vorbilder!“ Es kommen auf diesem Weg viele Stolpersteine – man kann sie übersteigen, wenn man sich über seine Fähigkeiten und Zielvorstellungen klar wird, wenn man sich einen „roten Faden“ erdenkt. Nicht für alle sind Führungspositionen erstrebenswert, auch andere berufliche Positionen sind wertvol!

Vielleicht sind es ja die unbezahlten Ehrenamtsfunktionen im sozialen Feld oder man kommt zum Schluss, ein klassisches Rollenmodell leben zu wollen. Oder aber es entwickelt sich ein ganz neues Modell - mit oder auch ohne Kinder...

Mein Rat besonders an junge Frauen: Lasst Euch diese wichtigen Lebensentscheidungen nicht aus der Hand nehmen!

Dies gilt branchenübergreifend und international. Nur haben dazu bei weitem nicht alle Frauen dieselben Startvoraussetzungen. Hier setzt UN Women an, auch mit unseren Projekten zum Beispiel in unserem Hilfsprojekt „Oasen“ im Flüchtlingscamp Za‘atari in Jordanien, in dem Frauen lesen und schreiben lernen und ein Handwerk ausüben können, und Möglichkeiten nutzen, sich und ihren Familien eine wirtschaftliche Grundlage aufzubauen. Unser Credo ist „stärke Frauen, indem Du ihren Lebenssinn anstiftest.“ Die Welt braucht die Frauen, um zu überleben. Frauen verändern die Welt.

Frage: Wie beurteilen Sie das Verständnis von Führung, sehen Sie einen Paradigmenwechsel angesichts der globalen Veränderungen?

Antwort: Wenn es um Führung geht muss uns klarwerden, dass dieser Begriff sich sehr stark verändern wird. Führung wird sich nicht mehr nur in hierarchischen Systemen darstellen können. Angesichts der Globalisierung und Digitalisierung sehe ich ganz neue Möglichkeiten der Erwerbstätigkeit für uns Frauen. Wir bekommen mehr und mehr Gelegenheiten, zeit- und ortsunabhängig bezahlt zu arbeiten. Dies ist eine riesige Chance für Frauen, die weiterhin unter den Strukturmängeln der schwierigen Vereinbarkeit von Erwerbs- und unbezahlter Sorgearbeit leiden!

Registrieren Sie sich jetzt für die IMEX 2018, besuchen Sie die neue Konferenz She Means Business im Rahmen des EduMonday am 14. Mai und erleben Sie Karin Nordmeyer live und direkt in Frankfurt.